Laut einer neuen Studie des ifo-Instituts, einem der einflussreichsten Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes, könnte Deutschland jährlich 155 Milliarden Euro (173,4 Milliarden US-Dollar) an zusätzlichem Wirtschaftswert einbüßen, wenn der Zugang zu KI-Trainingsdaten stärker eingeschränkt wird.

Die am Dienstag veröffentlichten Ergebnisse kommen zu einem entscheidenden Zeitpunkt für die europäische Technologiepolitik. Die politischen Entscheidungsträger in Brüssel und Berlin stehen unter Druck, Verleger und Rechteinhaber zu schützen, deren Arbeit zum Trainieren von KI-Systemen genutzt wird, während Europas eigene KI-Industrie argumentiert, dass zu restriktive Regeln ihre Wettbewerbsfähigkeit mit den USA und China beeinträchtigen könnten. Die Studie liefert konkrete Zahlen zu dieser Debatte und nährt eine wachsende transatlantische Debatte darüber, ob Europas Regulierungsinstinkt eine wirtschaftliche Belastung darstellt. Für alle, die Nachrichten zur KI-Politik verfolgen, dürfte die ifo-Analyse zu einer zentralen Referenz im Streit um die Text- und Data-Mining-Regeln der EU werden.

Der Einsatz: 440 Milliarden Euro auf dem Spiel

Die ifo-Forscher modellieren ein Szenario, in dem generative KI bis 2034 jährlich 440 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaft beiträgt – ein erheblicher Produktivitätsgewinn, der sich über alle Branchen vom verarbeitenden Gewerbe bis hin zum Dienstleistungssektor erstreckt. Wenn sich jedoch die Beschränkungen für KI-Trainingsdaten verschärfen, würden 155 Milliarden Euro dieses jährlichen Wertes nach Schätzungen des Instituts nie realisiert werden, was mehr als ein Drittel der prognostizierten Gewinne zunichte machen würde.

Das ist kein Nischeneffekt. Es ist vergleichbar mit einem erheblichen Teil des deutschen Bundeshaushalts, und die Studie argumentiert, dass sich der Schaden mit der Zeit verstärken würde, wenn die europäische KI-Entwicklung weiter zurückfällt.

Vier Kanäle wirtschaftlichen Schadens

Das Modell des Instituts unterteilt den Verlust von 155 Milliarden Euro in vier verschiedene Kanäle:

  • Schwächere KI-Modelle – 75 Milliarden Euro. Die größte Einzelauswirkung. Wenn auf weniger Daten trainierte Modelle schlechter abschneiden, verliert jede nachgelagerte KI-Anwendung in der deutschen Wirtschaft an Wert.
  • Langsamere KI-Einführung – 45 Milliarden Euro. Unternehmen, die ohne ausreichende Trainingsdaten und leistungsfähige Modelle zögern, KI-Lösungen einzusetzen, würden Investitionen verzögern und die Produktivitätsverluste verstärken.
  • Geringere Forschungsleistung – 25 Milliarden Euro. Beschränkungen würden das Forschungsökosystem schwächen, das sowohl den akademischen Fortschritt als auch die kommerzielle Innovation vorantreibt.
  • Reduzierte KI-Entwicklung in Europa – 10 Milliarden Euro. Die Entwicklungsarbeit würde in Jurisdiktionen mit freizügigeren Datenregimen verlagert werden, was Europas inländische KI-Kapazität untergraben würde.

Die Zahlen unterstreichen, wie sich die Datenregulierung auf die gesamte Innovationspipeline auswirkt – von den Modellen selbst bis zu den Unternehmen, die sie einsetzen.

„Man kann nicht beides haben“

ifo-Experte Oliver Falck brachte das zentrale Spannungsfeld der Studie auf den Punkt: „Wer ein führendes europäisches KI-Modell will, darf nicht gleichzeitig den Zugriff auf Trainingsdaten unnötig verkomplizieren. Man kann nicht beides haben.“

Diese Botschaft richtet sich direkt an die laufenden Debatten in der EU über den Urheberrechtsrahmen, der regelt, wie KI-Unternehmen europäische Texte, Bilder und andere kreative Werke aufnehmen. Europa gewährt KI-Entwicklern derzeit eine Ausnahmeregelung für Text- und Data-Mining, erlaubt Rechteinhabern jedoch, sich dagegen zu entscheiden – und Verlage, Mediengruppen und Urheber haben darauf gedrängt, diesen Opt-out-Mechanismus zu verschärfen oder zu kommerzialisieren.

Was die Forscher von politischen Entscheidungsträgern wollen

Die Autoren der Studie plädieren nicht für eine regulierungsfreie Zone. Stattdessen fordern sie einen kalibrierten Mittelweg:

  • Behalten Sie die EU-Ausnahmeregelung für Text- und Data-Mining für kommerzielle Zwecke bei, die sie als wesentliche Infrastruktur für die KI-Entwicklung bezeichnen.
  • Führen Sie verhältnismäßige Transparenzanforderungen ein, damit Rechteinhaber sehen können, wie ihre Arbeit verwendet wird, ohne dass ihnen unmögliche technische Belastungen auferlegt werden.
  • Übernehmen Sie einen praktischen Opt-out-Standard, der die Urheber sinnvoll schützt und gleichzeitig im Maßstab moderner Web-Scale-Schulungen praktikabel bleibt.

Die Forscher warnen zudem, dass regulatorische Unsicherheit bereits Schaden anrichte. Unternehmen zögern, Ressourcen für die europäische KI-Entwicklung bereitzustellen, was die Gefahr einer beschleunigten Abwanderung von KI-Talenten und -Projekten in Regionen mit klareren Regeln birgt.

Eine europäische Debatte mit globalen Konsequenzen

Die ifo-Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem europäische Staats- und Regierungschefs offen über die KI-Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents besorgt sind. Vertreter der deutschen Industrie, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz und die Führung von Siemens, haben kürzlich auf eine strengere EU-Regulierung der industriellen KI gedrängt, während Frankreich und Deutschland KI-Investitionen und Rechenzentrumsprojekte fördern, die die digitale Souveränität stärken sollen.

Gleichzeitig ist der Druck von Verlagen und Urhebern real und politisch wirksam. Viele europäische Medienkonzerne haben beobachtet, wie KI-Chatbots ihre Inhalte zusammenfassen, während Traffic und Werbeeinnahmen anderswo abwandern, und sie argumentieren, dass die Wirtschaftlichkeit von Journalismus und kreativer Arbeit ohne die Hebelwirkung von Lizenzen zusammenbrechen wird.

Die Zahl von 155 Milliarden Euro gibt der KI-Branche in diesen Verhandlungen ein starkes Gesprächsthema; Die Opt-out-Debatte gibt den Verlagen ihr Recht. Wie die EU den Konflikt zwischen diesen beiden Positionen löst, wird nicht nur die deutsche KI-Wirtschaft prägen, sondern auch, ob Europa im kommenden Jahrzehnt eigene Grenzmodelle auf den Markt bringt.

Die Botschaft des ifo-Instituts an Berlin und Brüssel lautet vorerst, dass Datenzugriffspolitik Industriepolitik ist – und dass die Kosten für Fehler in zweistelligen Milliardenhöhen pro Jahr liegen.

---

Der KI einen Schritt voraus sein

Erhalten Sie die neuesten KI-Nachrichten, Analysen und Durchbrüche – alles an einem Ort.

Weitere KI-Neuigkeiten lesen →